Der «Lob»-Ordner in meinem Postfach / Akt 5
Der Tag, an dem der Ordner entstand
Ich weiss nicht mehr genau, wann ich ihn angelegt habe. Es war nach einem schwierigen Tag, glaube ich. Oder einer schwierigen Phase – eine dieser Wochen, in denen ein Text nicht sitzen will, in denen man dreimal von vorne beginnt und sich fragt, ob man diesen Beruf überhaupt beherrscht.
Und dann kam unverhofft eine E-Mail herein. Eine Kundin, die mir schrieb, dass sie zufrieden sei. Mehr als zufrieden. Dass der Text genau das ausgedrückt habe, was sie sagen wollte, aber selbst nie so hätte formulieren können.
Solche Sätze liest man einmal – und dann noch einmal, weil man kaum glauben kann, dass sie einem selbst gelten. Ich habe die E-Mail nicht gelöscht. Ich habe sie in einen neuen Ordner verschoben, in der stillen Hoffnung, dass es nicht bei dieser einen bleibt. Es blieb nicht dabei.
Am Anfang war der Ordner eine spontane Geste, mehr nicht. Erst rückblickend habe ich verstanden, was ich mir damit tatsächlich gebaut hatte: ein kleines Gegengewicht zu einer Stimme im Kopf, die viel lauter ist als jede Kundenrückmeldung.
Was Perfektionismus wirklich kostet
Ich bin Perfektionistin. Das ist eine Stärke – ich gebe keine Arbeit ab, mit der ich nicht zufrieden bin. Ich überarbeite, hinterfrage, lese nochmals. Und nochmals.
Es ist aber auch eine Last. Dieselbe Genauigkeit, die meine Arbeit besser macht, macht mich auch streng mit mir selbst. Strenger, als es irgendein Kunde je wäre. An manchen Tagen reicht ein einziger holpriger Satz, damit die Stimme im Kopf lauter wird: Bist du wirklich die Richtige dafür?
Wer kreativ arbeitet, kennt diese Stimme. Sie gehört zum Beruf, glaube ich – nicht als Dauerzustand, das wäre lähmend, sondern als Zeichen dafür, dass einem das Ergebnis nicht gleichgültig ist. Das Gegenteil, gar keine Zweifel, wäre viel beunruhigender. Es würde bedeuten, aufgehört zu haben, kritisch hinzuschauen.
Was diese Stimme allerdings nicht kann: unterscheiden zwischen einem berechtigten Einwand und blossem Lärm. Sie meldet sich bei einem holprigen Satz genauso laut wie bei einem Text, der objektiv gut geworden ist. Genau darum braucht es etwas von aussen, das die Waage wieder ins Lot bringt – nicht als Dauerlob, sondern als Korrektiv.
Ich erinnere mich an ein Projekt, bei dem ich an einer einzigen Formulierung fast eine ganze Nachmittagssitzung hängengeblieben bin. Nichts Dramatisches – ein Satz auf einer Startseite, der stimmen musste, weil er in drei Sekunden entscheidet, ob jemand bleibt oder geht. Als die Kundin später schrieb, genau dieser Satz sei es, den ihr Team seither zitiere, wusste ich: Diese Nachmittagsstunde war kein verschwendeter Perfektionismus. Sie war die Arbeit.
Warum nicht jedes Lob in den Ordner kommt
Der Lob-Ordner ist über zehn Jahre gewachsen. Gross ist er trotzdem nicht – ich bin wählerisch mit dem, was ich hineinlege. Eine höfliche Floskel am Ende einer E-Mail reicht nicht. Ein «Danke, passt so» auch nicht.
Was hineingehört, ist konkret. Rückmeldungen, die benennen, was funktioniert hat, und warum. Sätze, die zeigen, dass jemand den Text wirklich gelesen hat – nicht nur überflogen. Genau diese Präzision macht den Ordner wertvoll: Er ist kein Sammelbecken für Nettigkeiten, sondern ein kleines Archiv von Beweisen.
Diese Auswahl ist bewusst streng. Ein Ordner, in dem jede Floskel landet, würde seinen Zweck verfehlen – er würde inflationär und damit wirkungslos. Der Wert liegt nicht in der Menge, sondern darin, dass jeder einzelne Eintrag stimmt..
Was der Ordner an schwierigen Tagen leistet
An Tagen, an denen ich zweifle, ob ein Text gut genug ist, an denen eine Formulierung sich sperrt, an denen die grosse Frage kommt – dann öffne ich den Ordner.
Das klingt vielleicht sentimental. Ich glaube aber, dass jeder Mensch, der sich mit jedem Text ein Stück weit exponiert, etwas braucht, das ihn erinnert: Du kannst das. Du hast das schon bewiesen. Und es reicht.
Mein Lob-Ordner ist mein Beweis. Er ersetzt keine Rückmeldung von aussen, und er macht Selbstzweifel nicht verschwinden. Aber er sorgt dafür, dass die laute Stimme im Kopf nicht die einzige bleibt, die gehört wird.
Wenn du selbständig bist oder kreativ arbeitest: Leg dir so einen Ordner an. Nicht als Ego-Projekt, sondern als Werkzeug. Als Ort, an den du gehen kannst, wenn die Selbstkritik lauter wird als das, was tatsächlich stimmt.
Du wirst überrascht sein, wie oft du ihn brauchst. Und wie viel er trägt, wenn er einmal da ist.
→ Akt 5 aus «10 Jahre keck.ch – In zehn Akten». Jede Woche erscheint ein neuer Beitrag. Nächste Woche: Akt 6 – Mittendrin.