Mittendrin, statt nur dabei / Akt 6
Ein Auftrag, der nach mehr als einem Interviewtermin verlangt
Es riecht nach heissem Metall, noch bevor man die Halle betritt. Drinnen ist es ohrenbetäubend laut, der Schmelzofen glüht, und aus der Druckgussmaschine spritzen Funken, wenn das flüssige Metall in die Form schiesst. Ich stand mitten in dieser Szene – im Auftrag der Migros Bank, für ein Video-Testimonial mit der Sidrag AG, einem Schweizer Unternehmen für Aluminium-, Zink- und Magnesium-Druckguss.
Man hätte das Ganze auch telefonisch erledigen können. Ein Fragebogen an die Kommunikationsverantwortlichen, ein paar PR-Fotos von der Werkhalle, die genauso gut anderswo stehen könnte. Stattdessen reiste ich mit meiner Videoproduzentin vor Ort, um die Sidrag AG in Aktion zu erleben und so echte Eindrücke zu gewinnen.
Und schon beim Betreten der Halle war klar: Kein Fragebogen der Welt hätte mir das vermittelt, was schon die ersten zehn Sekunden vor Ort vermochten. Die Hitze, die einem entgegenschlägt. Der metallische Geruch, der sich in der Kleidung festsetzt. Der Lärm, der jedes Gespräch zur Willensleistung macht.
Ich musste die Fragen auf dem Rundgang teilweise wiederholen, weil die eigene Stimme im Lärm der Maschinen unterging. Das war unbequem. Es war aber auch aufschlussreich: Wer hier jeden Tag arbeitet, tut das in einer Geräuschkulisse, die für Aussenstehende schon nach wenigen Minuten anstrengend wird. Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit einer fordernden Umgebung ist selbst schon Teil der Geschichte, die erzählt werden will – auch wenn sie in keinem Fragebogen als Frage vorkommt.
Was Feuer und Funken über einen Beruf erzählen
Ein Schmelzofen ist kein stilles Arbeitsgerät. Er glüht, er strahlt Hitze ab, die man auf mehrere Meter Distanz spürt. Wenn das flüssige Metall in die Druckgussform schiesst, spritzt es – kontrolliert, aber sichtbar gefährlich. Wer hier arbeitet, tut das mit einer Konzentration, die keinen Millimeter Nachlässigkeit erlaubt.
Genau diese Konzentration ist die eigentliche Geschichte. Nicht die Maschine, nicht der Prozess an sich – sondern die Menschen, die diesen Prozess jeden Tag beherrschen, obwohl er nie ganz ungefährlich wird. Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit Hitze, Lärm und Metall hätte ich mir am Schreibtisch nie vorstellen können. Ich musste sie spüren, um sie später in Worte fassen zu können.
Für die Personen, die dort arbeiten, ist das Alltag. Für mich als Besucherin war es ein Moment, in dem mir klar wurde, wie viel Respekt in diesen Berufen steckt – und wie wenig davon sichtbar wird, wenn man ein Unternehmen nur aus der Ferne kennt. Genau diese Lücke soll ein gutes Porträt schliessen: zeigen, was hinter einem Betrieb tatsächlich steckt, jenseits von Kennzahlen und Referenzlogos.
Warum ich nicht am Bildschirm recherchiere, wenn ich es vermeiden kann
Ich schreibe seit Jahren für Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe – Bäcker, Müller, Metallbauer, Holzbauer, Strassenbauer. Branchen, in denen sich Handwerk nicht simulieren lässt. Entweder das Bauteil hält der Belastung stand, oder es hält ihr nicht stand. Entweder der Guss ist sauber, oder er ist es nicht. Substanz ist dort nicht verhandelbar.
Und genau das sollte auch für die Kommunikation über diese Betriebe gelten. Ein Text über eine Giesserei, der nie in einer Giesserei war, merkt man an. Er bleibt bei Allgemeinplätzen: «engagiertes Team», «moderne Anlagen», «spannende Herausforderungen». Sätze, die überall stehen könnten und darum nirgends wirklich wirken.
Was einen Text dagegen unverwechselbar macht, ist das Detail, das man sich nicht ausdenken kann. Der Geruch von heissem Metall. Der Moment, in dem man merkt, wie laut «laut» in einer Fabrik tatsächlich ist. Solche Details entstehen nicht im Interview am Telefon. Sie entstehen nur, wenn man selbst in der Halle steht.
Was das für meine Arbeit bedeutet
Ich tauche darum so tief wie möglich in ein Thema ein, bevor ich schreibe. Ich frage nach, ich schaue mir Prozesse vor Ort an, ich halte mich in Werkhallen auf, auch wenn das unbequemer ist als ein Call. Was ich dabei mitnehme, sind nicht nur Fakten, sondern Sinneseindrücke – und genau diese Sinneseindrücke sind es, die ein Porträt glaubwürdig machen, egal ob es am Ende als Video, Text oder beides erscheint.
Eine Content-Strategie, die auf der Oberfläche bleibt, produziert auch Texte, die auf der Oberfläche bleiben. Erst wer versteht, wie ein Betrieb tatsächlich klingt, riecht und sich anfühlt, kann eine Geschichte erzählen, die bei den Lesenden hängen bleibt – und bei allen, die diesen Betrieb künftig aus einem Porträt kennenlernen.
Handwerks- und Industriebetriebe wissen oft besser als Kommunikationsabteilungen, dass gute Arbeit Zeit braucht und sich nicht abkürzen lässt. Diese Haltung versuche ich auf meine eigene Arbeit zu übertragen: keine Abkürzung, kein Schein, sondern so nah dran wie möglich.
→ Akt 6 aus «10 Jahre keck.ch – In zehn Akten». Jede Woche erscheint ein neuer Beitrag. Nächste Woche: Akt 7.