Das Glitzern in den Augen / Akt 9

Es gibt einen Moment in Interviews, auf den ich immer warte. Man spricht ihn nicht aus. Man kündigt ihn nicht an. Man spürt, wenn er da ist: Der Gesprächspartner hört auf, ein Interviewpartner zu sein. Er wird jemand, der redet.

Marlies Keck 3 Min. Lesezeit
Wenn die Maske fällt

Der Moment, wenn die Maske fällt

Ich sehe es zuerst im Körper. Wie die Schultern sich senken. Wie die Stimme einen anderen Klang bekommt – weicher, direkter, weniger einstudiert. Und dann dieses Glitzern in den Augen, das auftaucht, wenn jemand über etwas spricht, das ihm wirklich etwas bedeutet.

Dieser Moment passiert fast nie am Anfang. Das ist keine Ausnahme, das ist die Regel.

Warum am Anfang fast alle vorsichtig sind

Zu Beginn eines Interviews überlegen viele genau, was sie sagen – und wie es klingt. Manager in Führungspositionen erst recht: Sie kennen die Verantwortung, die mit jedem Zitat kommt. Andere sind solche Situationen schlicht nicht gewöhnt und haben Angst, etwas falsch zu machen. Beides ist verständlich. Beides ist auch der Grund, warum die ersten Antworten in einem Interview selten die besten sind.

Wer das nicht weiss, macht am Anfang bereits den grössten Fehler: die Konserven-Antworten für bare Münze nehmen und weiterfragen, statt Raum zu geben.

Was ich tue, damit sich die Anspannung löst

Ich frage nach Details, die mit der offiziellen Botschaft nichts zu tun haben. Ich höre zu, ohne sofort die nächste Frage nachzuschieben. Ich zeige, dass mich das wirklich interessiert – weil es so ist. Kein Trick, keine Falle. Einfach echtes Interesse, das man einer Person nicht vormachen kann.

Und dann, irgendwann im Gespräch, passiert es: Jemand erzählt mir, was er wirklich denkt. Was ihn oder sie wirklich bewegt. Was eigentlich hinter dem Projekt oder dem Produkt steckt, das im Zentrum stehen sollte.

Was am Ende bleibt

Diese Momente machen meine Arbeit aus. Nicht die Fragen, die ich vorbereitet habe. Sondern die Antworten, die ich nicht erwartet habe. Die Zitate, die nicht geplant waren. Die Geschichten, die geschlummert haben – und auf jemanden gewartet haben, der fragt und wirklich zuhört.

Genau das ist der Unterschied zwischen einem Interview, das Informationen liefert, und einem, das eine Geschichte liefert. Ersteres kann im Grunde jeder führen, der eine Fragenliste abarbeitet. Zweiteres braucht Zeit, Geduld – und die Bereitschaft, das Gespräch auch mal vom vorbereiteten Pfad abweichen zu lassen.

Das ist mein Job. Seit 10 Jahren. Und es ist jedes Mal neu.

Wenn du selbst schon mal ein Interview geführt hast: Erinnerst du dich an den Moment, in dem dein Gegenüber aufgehört hat, sich selbst zuzuhören – und einfach angefangen hat, zu erzählen?

→ Akt 9 aus «10 Jahre keck.ch – In zehn Akten». Jede Woche erscheint ein neuer Beitrag. Nächste Woche: das Finale.